Folgen der Verstädterung: Was haben wir zu befürchten?


Die Verstädterung ist auf dem Vormarsch: Seit 2008 lebt die Mehrheit der Weltbevölkerung in Städten. Die UNO schätzt, dass es im Jahr 2050 bereits 70 Prozent sein werden. Unter Verstädterung oder Urbanisierung bzw. Urbanisation fällt zwar auch die Ausbreitung städtischer Lebens- und Verhaltensweisen auf die ländliche Bevölkerung. Im Vordergrund steht jedoch das Anwachsen der Metropolen. Die Zahl der Mega-Cities mit mehr als 10 Millionen Einwohnern wächst stetig. Dies hat gravierende Folgen für Gesellschaft und Umwelt.

Folgen der Verstädterung für die Städte selbst

Verstädterung Mexiko-Stadt Mega-City

Ein Paradebeispiel für Verstädterung: die derzeit größte Mega-City Mexiko-Stadt (c) istockphoto.com/Arpad Benedek

In deutschen Rathäusern wird meist gejubelt, wenn die Bevölkerungszahl eine runde Marke knackt. In anderen Regionen der Erde sieht dies anders aus. Vor allem die Metropolen in den Schwellen- und Entwicklungsländern ächzen unter der enormen Bevölkerungslast. Zwölf Städte zählten 2010 mehr als 10 Millionen Einwohner und werden daher als Mega-Cities bezeichnet.

  1. Mexiko-Stadt: 20,1 Millionen
  2. Peking: 20 Millionen
  3. Shanghai: 19,2 Millionen
  4. Lagos: 15,1 Millionen
  5. Istanbul: 14,4 Millionen
  6. Karatschi (Pakistan): 13,1 Millionen
  7. Mumbai: 12,5 Millionen
  8. São Paulo: 12 Millionen
  9. Moskau: 11,6 Millionen
  10. Guangzhou (China): 11,1 Millionen
  11. Delhi: 11 Millionen
  12. Shenzhen (China): 10,6 Millionen
  13. Seoul: 10,4 Millionen

Wohnungsnot und Obdachlosigkeit

Was deutsche Großstädte mittlerweile sehr wohl auch zu spüren bekommen, ist der Wohnungsmangel. Nicht zuletzt, weil durch die Verstädterung immer mehr Menschen in die Metropolregionen ziehen, steigen die Mietpreise an. Bei Wohnungsbesichtigungen drängeln sich mehrere Dutzend Interessenten durch die Räume. Und immer mehr Gering- und Normalverdienern bleibt nichts anderes übrig, als an den Stadtrand oder in Vororte zu ziehen. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe schätzt die Zahl der Obdachlosen in Deutschland auf 335.000 Menschen (Stand 2014). Noch drastischer sieht es in anderen Weltregionen aus. Die Vereinten Nationen nehmen an, dass mit der Verstädterung weltweit etwa 100 Millionen Kinder und Jugendliche zumindest zeitweise auf der Straße leben.

Verarmung und Bildung von Slums

Eng damit zusammen hängt die Ausbereitung von Slums. Ob Favelas in Brasilien oder Townships in Südafrika: In den Elends-Siedlungen am Rand der Metropolen leben die Ärmsten der Bevölkerung eng gedrängt und meist unter unzumutbaren Bedingungen. UN Habitat (das Programm der Vereinten Nationen für menschliche Siedlungen) nimmt an, dass weltweit 24 Prozent der Stadtbevölkerung in Slums leben. Aufgrund fehlender Sanitäranlagen und Abwassersysteme kommt es dort oft zur Ausbreitung von Krankheiten. Unzureichend gesicherte Bauten haben mit der Verstädterung zur Folge, dass bei Erdrutschen und anderen Naturkatastrophen zahlreiche Menschen sterben.

Anstieg der Kriminalität

Auch wenn Filme wie „Slumdog Millionair“ immer wieder die Ausnahme der Regel beschreiben, haben nur wenige Slum-Bewohner eine Chance auf ein besseres Leben. Diese Perspektivlosigkeit führt häufig zu Alkohol- und Drogenmissbrauch, Prostitution und Gewalt. Laut UN Habitat werden in Entwicklungsländern etwa 60 Prozent aller Stadtbewohner mindestens ein Mal in fünf Jahren zum Opfer von Kriminalität. In Afrika und Lateinamerika sollen es sogar 70 Prozent sein. Für viele Metropolen steht der Kampf gegen Waffenhandel, Drogenschmuggel und Jugendarbeitslosigkeit daher an oberster Stelle.

Folgen der Verstädterung für ländliche Regionen

Als im Zuge der Industrialisierung Wohlstand und Mobilität zunahmen, konnten Arbeiter pendeln und sich eine Wohnung im Grünen leisten. Man sprach von der Suburbanisierung. Diese ist vorbei. Heute geht die Verstädterung mit einer Landflucht einher. Vor allem junge und gut ausgebildete Menschen verlassen Dörfer und Kleinstädte, da sie sich in Städten mehr Perspektiven erhoffen. Dies setzt mit der Verstädterung wiederum einen Teufelskreis in Gang: Der Altersdurchschnitt auf dem Land steigt, die wenigen noch ansässigen Firmen finden keine qualifizierten Mitarbeiter mehr und Nahversorger sowie Arztpraxen schließen. Aufgrund dieser Verödung der ländlichen Regionen zieht es noch mehr Menschen in die Stadt. Bauland und Immobilien sind zwar vorhanden, verlieren aufgrund der mangelnden Nachfrage jedoch massiv an Wert.

Folgen der Verstädterung für die Umwelt

Trinkwasser ist knapp, Müllberge türmen sich, der Verkehr kollabiert und Menschen können aufgrund von Smog an manchen Tagen nur noch mit Atemschutz das Haus verlassen. Natürlich bleiben auch die Folgen der Verstädterung auf Umwelt und Gesundheit nicht aus.

Luftverschmutzung

Verstädterung Smog Luftverschmutzung

Hier sind die negativen Folgen der Verstädterung nicht zu übersehen: Los Angeles in einer Smog-Wolke (c) istockphoto.com/MattGush

Die Weltgesundheitsbehörde WHO geht davon aus, dass pro Jahr etwa 800.000 Menschen an den Folgen der Luftverschmutzung sterben. In Delhi, Peking und Jakarta sollen bis zu 30 Prozent aller Lungen- und Atemwegserkrankungen auf Feinstaub und andere Luftverschmutzungen durch die Verstädterung zurückzuführen sein. Da immer mehr Grünflächen neuen Wohn- und Industriegebieten weichen müssen, kann sich die Luft in den städtischen Gebieten immer schwerer selbst regulieren. Agglomerationen und Mega-Cities sind die Hauptverursacher von Treibhausgasen. Obwohl sie nur zwei Prozent der Erdoberfläche einnehmen, verbrauchen sie laut UN 78 Prozent der weltweiten Energie und stoßen 60 Prozent aller CO2-Emissionen aus.

Wassermangel und Überschwemmungen

Mega-Metropolen, vor allem in Küstennähe, sind jedoch auch die Leidtragenden des Klimawandels. So haben sie immer wieder unter heftigen Stürmen und Überschwemmungen zu leiden. Für Letztere sind nicht nur Wetterkapriolen verantwortlich, sondern auch der Raubbau an der Natur. Flüsse werden mit der Verstädterung aus ihrem ursprünglichen Bett gedrängt und Wälder oder Wiesen zur natürlichen Flutregulation fehlen. Wasser, das in dieser Form zu viel ist, ist in anderer zu wenig. In vielen Großstädten reicht das Trinkwasser gerade einmal für 60 Prozent der Bevölkerung. Das Grundwasser wird übernutzt, sodass Salzwasser in die Leitungen eindringt. Zwei Drittel aller Stadtbewohner, so der 2. Weltwasserbericht der UN, haben keinen Zugang zu gesundheitlich unbedenklichem Trinkwasser.

 

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